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Interkulturelle Psychotherapie
"Mit Leib und Seele"
Lebensbedingungen und Behandlung traumatisierter Flüchtlinge
(TEIL 1)
Unter diesem Titel fand von 12. bis 14. Oktober dieses
Jahres die Fachtagung der BAFF, der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft
der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge
und Folteropfer statt. Die Bremer Dependance "Refugio"
lud zu Workshops und Vorträgen namhafter ExpertInnen
und zu einem rauschenden Fest. ZEBRA-Therapeutin Ingrid
Egger absolvierte das volle Programm. Ihren Bericht
zusammengefasst hat Michael Stockinger.
Der Schwerpunkt dieser Tagung lag auf interkultureller
Psychotherapie, Ethnomedizin und der Anwendung von Leib-Seele-Konzepten
in der therapeutischen Behandlung traumatisierter MigrantInnen
bzw. Flüchtlingen.
Erinnerungen an Flucht, Gewalt, Erniedrigung, aber auch
der tägliche Rassismus in ihrem neuen Lebensumfeld
hinterlassen bei vielen von ihnen tiefe Spuren. "Während
manche Menschen es schaffen, diese Erfahrungen zu verarbeiten
und mit den Erinnerungen zu leben, bedeuten sie für
andere eine Belastung, die lebensbedrohlich werden kann",
schreibt Editha Limbach, Vorsitzende der Deutschen Stiftung
für UNO-Flüchtlingshilfe in ihrem Grußwort.
Prototypisches Sozialorgan
In seinem Eröffnungsvortrag "Gewalterfahrung
und Verarbeitung traumatischer Erinnerungen" stellte
der Göttinger Gehirnphysiologe Gerald Hüther
seinen Forschungsgegenstand als das prototypische "Sozialorgan"
des Menschen dar.
Hüthers Grundthesen: Das Gehirn bleibt auf Lebenszeit
ein plastisches und flexibles Organ; die Strukturbildung
des Gehirns wird durch Interaktion geprägt; frühe
Erfahrungen/ Interaktionen sind bedeutsamer als spätere.
Und, last but not least: der Wissenserwerb ist gegenüber
menschlicher Interaktion und persönlicher Erfahrung
für die Strukturbildung relativ bedeutungslos.
Daraus folgert der Göttinger Professor, dass das
Gehirn "so wird, wie es benutzt wird". Für
die Traumatherapie bedeutet dies, dass das Gehirn auf
Gewalterfahrung unmittelbar mit Degeneration reagiert.
Es treten dabei unkontrollierbare neuroendoktrine Stressreaktionen
auf, die - laut Hüther - langfristige Strukturveränderungen
im Gehirn auslösen können. Werden nun vom
traumatisierten Menschen gewisse Angstbewältigungsstrategien
als geeignet empfunden, um die unkontrollierbaren Stressreaktionen
in den Griff zu bekommen, kann dies zu "neuronalen
Verschaltungen" führen. Der Traumatisierte
läuft Gefahr, dauerhafte Schädigungen davonzutragen,
wie z.B. Veränderungen der Wahrnehmung, selbstverletzendes
Verhalten, emotionale Rigidität oder zwanghafte
Verhaltensweisen.
Ingrid Egger fühlt sich durch Hüthers Ausführungen
bestärkt, in ihrer Arbeit vermehrt Biographie-
und Ressourcenarbeit einzusetzen. Dabei wird versucht
vorhandene, in der Vergangenheit ausgebildete 'positive
(neuronale) Wege'
freizuschaufeln, die von der Traumatisierung wie von
einer Schlammlawine verschüttet worden sind. Es
ist eine Suche nach Kompetenzen, die für den Patienten
im Moment oft nicht verfügbar sind, die jedoch
- nach gelungener Reaktivierung - Schutz und Geborgenheit
vermitteln können.
Bei der sogenannten "Landkartenarbeit" mit
einem jungen Kosovo-Albaner ging es z. B. darum, durch
die bewusste Erinnerung an die Orte, mit denen er seine
erste Liebe, seine bedeutungsvollsten Jugend- und Kindheitserlebnisse
verbindet, wieder positive Anknüpfungspunkte an
seine Heimat zu finden. Es gehe hauptsächlich darum,
"das Schreckliche durch solche positiven Erinnerungen
zu begrenzen", so Ingrid Egger. Hüther nennt
drei "protektive Faktoren", die helfen mit
Angst und Stress umzugehen:
1. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Wissen,
Kompetenz, Kraft...), 2. das Vertrauen in die Fähigkeiten
von außen (konkrete Personen, Staat, Idole, Kunst...)
und 3. das Vertrauen in vorgestellte Kräfte (Glaube,
Religion, Esoterik, Liebe, Schicksal, Naturgesetze).
Flucht und Migration würden sich laut Egger demnach
negativ auf die ersten beiden Punkte auswirken. Die
eigene Kompetenz, das eigene Wissen, das oft kulturell
bedingt in der neuen Umgebung nichts mehrt wert erscheint,
weichen dem Gefühl der Ohnmacht. Und auch das Vertrauen
in die "Kräfte von außen"
ist gerade bei Flüchtingen stark geschwächt;
der eigene wie auch der neue Staat und seine endlosen,
oft zermürbenden Behördenwege werden als starke
Belastung empfunden.
Auch hier hilft Ressourcenarbeit, das Bewusstmachen
der eigenen Kompetenzen sowie eine möglichst große
Selbstorganisation der Betroffenen (besonders in den
Flüchtlingsquartieren). Überlegungen in Deutschland,
traumatisierten Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt
zu erleichtern, sind ein Schritt in Richtung "selfempowerment"
jener Menschen, die sich selbst als schwach und machtlos
empfinden.
Eine weitere Möglichkeit den dritten protektiven
Faktor (das Vertrauen in vorgestellte Kräfte) zu
unterstützen, stellt die bewusste, kulturspezifische
Therapiearbeit dar. So sollte beispielsweise der bei
Afrikanern aller Bildungsschichten ausgeprägte
Ahnenkult, ihre Einbindung in eine spirituelle (Geister)Welt,
für den Heilungsprozess genutzt und nicht a priori
als psychotisch eingestuft werden.
Kulturspezifisches Schmerzempfinden
Hier ergeben sich zahlreiche Überschneidungen
mit der Ethnomedizin, wie Ramazan Salman (vom Ethnomedizinischen
Zentrum Hannover) in seinem Vortrag/ Workshop "Kultur,
Sprache und Glaube als Hintergründe von Gesundheit
und Krankheit - am Beispiel türkischer MigrantInnen"
erläuterte. Somatisierungen (ob sich Stress z.
B. auf den Magen oder eher das Herz schlägt) und
Schmerzempfinden sind kulturspezifisch, ebenso wie die
Erklärungsmodelle, warum eine Krankheit auftritt.
Ob nun Geister oder Dämonen aufgrund eines Regelbruches
eine Krankheit über den Menschen kommen lassen;
ob magische Kräfte daran schuld sind, wie der "böse
Blick" (ausgelöst durch Neid, Missgunst, sozialen
Regelbruch) oder die unheilbringende Kraft Verstorbener;
oder ob es - wie in der westlichen Welt angenommen -
Krankheitserreger (Bakterien, Viren) sind, denen wir
all die ungustiösen Heimsuchungen des Fleisches
(und der Seele wohlgemerkt!) verdanken - jedes dieser
Modelle hat seine Heilungserfolge und Wirkfaktoren.
Und jedes dieser Modelle hat auch seine Lücken,
wie der Placebo-Effekt eindrucksvoll beweist: psychogene
Effekte werden in unserem, auf die Mikrobiologie fokussierten
Modell nur unzureichend berücksichtigt. Demnach
ist es also entscheidend, über den Kulturkreis
der traumatisierten bzw.
kranken Person Bescheid zu wissen, um deren eigenes
Glaubenssystem für die Heilung zu nützen.
In Afrika bekommt der Patient z. B. immer etwas vom
Naturheiler mit auf den Weg: ein Amulett, einen Stein,
bestimmte Kräuter oder auch nur einen Satz auf
einem Blatt Papier (letzteres kennen wir auch aus unserem
Kulturkreis, da heißt es "Rezept").
Dieses Wissen könnte der behandelnde Arzt/Therapeut
bei seinen afrikanischen PatientInnen anwenden und durch
die kulturelle Abstimmung zwischen Patienten und Therapeuten
die Genesungschancen erhöhen.
Im zweiten Teil: Sozio-kulturelle Bedeutung der Ethnomedizin,
Medizinische Begutachtungen bei Flüchtlingen und
die Bedeutung des Körpers bei gefolterten und kriegstraumatisierten
Menschen aus physio- und bewegungstherapeutischer Sicht.
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