2.6 Turkei--interkulturelle Kommunikation
Wozu braucht man interkulturelle Kommunikation?
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Ein Gespräch mit
Ferhan Alesirg
von  Dr. Perihan Ügeöz
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Istanbul    Post
Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei Republished with permission.
Ferhan Alesi hat sich der interkulturellen Kommunikation gewidmet. Sie will, daß dieses Thema auch in der Türkei jene Bedeutung erlangt, die es verdient. Bis es soweit ist, muß sie möglicherweise noch eine mühsame Strecke durchmachen, mit einer Menge Menschen sprechen, überhaupt viel viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn dieses Thema steckt in der Türkei noch in Kinderschuhen. Zwar ist interkulturelle Kommunikation auf Platz eins von fast allen Bildungsprogrammen, die die Türkei mit der EU und Bildung verbinden, ob es sich z.B. um Erasmus, Leonardo oder Grundtvig handelt. Doch wird es wohl noch eine ganze Weile dauern, bis klar ist, daß damit nicht bloß das Erlernen von einer oder mehreren Fremdsprachen gemeint ist. Doch koste es, was es will, Ferhan Alesi wird sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen. Und das ist gut so. Denn mit ihr habe ich endlich eine engagierte Arbeitsgefährtin gefunden und muß mich nicht mehr wie eine einsame Donquichotte fühlen.
Hören wir uns aber nun aus ihrem eigenen Mund an, warum ihre Aufgabe ausgerechnet interkulturelle Kommunikation sein muß, was sie damit verbindet, und überhaupt, wer sie ist.
Als ich meinen ersten Kulturschock erlebte, war ich gerade 17 Jahre alt. Mein Vater war dienstlich nach Kuwait versetzt worden, wir mußten ihm mit der Familie folgen. Ich wurde dort an einer amerikanischen Schule untergebracht und kam mit Menschen in Berührung, von deren Herkunftsländern ich zuvor nur die Hauptstädte im Erdkundeunterricht auswendig gelernt hatte. Ich war von Indern, Australiern, Deutschen, Amerikanern und und und umgeben. Alles, was ich bis dahin für richtig hielt, als normal zu deuten gelernt hatte, begann mich im Stich zu lassen. Die Koordinaten meines lebensweltlichen Bezugssystems gerieten durcheinander. Meinen Kulturschock versuchte ich dadurch zu überwinden, indem ich das Verhalten, die Reaktionen und Herangehensweisen, eigentlich so ziemlich alles, was die Anderen taten und dachten, für blöd und dumm zu halten. Das ist überhaupt eine der typischen Umgangsweisen mit dem Gefühl von Fremdheit. Das Ungewohnte, das Fremde wird zuerst oft als lustig, merkwürdig oder als Bedrohung empfunden. Dumm, arrogant, gemein etc. sind zuerst immer die Anderen. Damit baut man eine Mauer um sich herum und hat dann enorme Mühe, darüber hinwegzuschauen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich merkte, daß ich mit meiner selbsterrichteten Mauer mir die eigene Sicht versperrte, meinen eigenen Handlungsspielraum einengte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich entdeckte, daß die Sicht von Wahrheit, immer auch davon abhängt, von woher man darauf schaut. Als es mir allmählich möglich wurde, ein bißchen auch von der Warte meiner andersartigen Mitschüler zu blicken, spürte ich, daß damit in mir etwas wunderbares passierte. Ich begann selbstbewußter zu werden, meine Verkrampfungen und Verbissenheiten ließen nach, ja überhaupt wurde ich humorvoller. Diese Erfahrung war wundervoll.
War es diese Erfahrung, die dich veranlaßte, eine interkulturelle Trainerin zu werden?
Ein bißchen schon. Aber es war vor allem die Bekanntschaft mit meinem italienischen Ehemann. Seine Eltern stammen aus Sizilien, er war selber in der Schweiz aufgewachsen. Diese Bekanntschaft war der zweite wichtige Wendepunkt in meinem Leben. Nach meinem Aufenthalt in Kuwait ging ich nach Österrich und studierte dort Tourismus. Einige Jahre später lernte ich in der Schweiz meinen italienischen Ehemann kennen. Nach unserer Heirat hatten wir längere dienstliche Aufenthalte in Deutschland, England und Frankreich. So machte mir mein eigener Lebensalltag klar, daß mich dieses Thema interkulturelle Kommunikation und seine Faszination nicht mehr loslassen würde. Ich beschloß, auf diesem Gebiet professionell zu arbeiten und besuchte Seminare, Konferenzen, Fortbildungen. Ich machte ein Studium der interkulturellen Kommunikation an dem Sommerinstitut für interkulturelle Kommunikation in Portland/Oregon. Dieses Jahr werde ich wieder einen Kurs absolvieren. Die Atmosphäre dort ist wundervoll. Außerdem ein Treffpunkt von Interkulturalisten aus aller Welt. Ich denke zum Beipiel an einen Mexikaner, der seit mehr als 10 Jahren in China lebt und arbeitet. Oder an einen US- Amerikaner, der die Hälfte seines Lebens in Japan verbracht hat. Die Bekanntschaft und Gespräche mit diesen Kollegen erlebe ich als sehr bereichernd. Man sagt zwar, die Welt sei klein. Aber das stimmt nicht. Sie ist riesig und darauf leben hunderte von verschiedenen Kulturen. Es ist nicht möglich, alle diese Kulturen kennenzulernen. Dieses Sommerinstitut bietet mir Gelegenheit, zumindest mit einigen dieser Kulturen etwas näher in Berührung zu kommen und meine Erfahrungen und Kenntnisse zu erweitern.
Laß uns jezt etwas über die Bedeutung von interkulturellen Kommunikationstrainings und Seminaren sprechen. Für mich habe ich dazu folgende These formuliert: Trainings und Seminare zu interkultureller Kommunikation geben dem Menschen die Gelegenheit, sich und seine eigenen Verhaltenweisen mit den Augen anderer zu betrachten. Und wenn es gelingt, das Andersartige nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu empfinden, und dazu tragen ja die Trainings und Seminare bei, dann kann man diese Erfahrung für die eigene individuelle Entwicklung als eine kostbare Bereicherungsquelle entdecken und nutzen. Wie siehst du das?
Genau richtig. Das ist eine schöne Zusammenfassung. Es ist so einfach, die Anderen zu kritisieren. Dieser blöde Schweizer, was macht er für einen Unsinn usw. Probleme und Fehler haben immer die Anderen. Ist es wirklich so, daß es immer die Anderen sind, die Fehler haben? Man kommt nicht umhin, diese Frage zu stellen und auch Mal sich selbst mit den Augen anderer zu betrachten. Wenn man einmal anfängt, sich selber aus der Perspektive anderer zu betrachten, dann kann man auch die eigenen Gewohnheiten, Denk-  und Verhaltensweisen entspannter sehen. Aber das ist ein Prozeß. Diese Erfahrung macht man nicht sofort. Die Trainings und Seminare sind dazu ein Vehicle. Ganz konkret tragen sie dazu bei, die eigene Kultur zu entdecken, andere Kulturen kennenzulernen. Anstatt immer nur zu kritisieren, tragen sie dazu bei, die Gründe für die Andersartigkeit zu hinterfragen. Das trägt zu einer Verbesserung von Kommunikationserfahrung bei. Dinge, die einen vorher auf die Palme treiben konnten, werden gelassener betrachtet. Wenn man die Anderen als fehlerhaft sieht, dann baut man auch eine Mauer dazwischen. Diese Mauer steht uns dann bei vielen Sachen selber im Weg. Mit Hilfe von interkultureller Kommunikation gelangen wir zu einer gelasseneren und entspannten Sichtweise. Es wäre falsch zu sagen, daß man mit Hilfe von interkulturellen Kommunikationstrainings mögliche Probleme im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen völlig aus der Welt schaffen kann. Aber man wird gelassener und kommuniziert erfolgreicher. Schließlich wird man bewußter im Umgang mit anderen Menschen.
Du bist also optimistisch, daß dieses Thema auch in der Türkei Zukunt haben wird?
Ja, unbedingt. Noch haben viele Leute keine Ahnung, wovon ich rede. Zum Beispiel, selbst an manchen Universitäten, die hier bilaterale Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten anstreben, werde ich zuerst oft gefragt: Wozu braucht man das? Das Thema hat Zukunft und im Zuge der Zukunftspläne der Türkei muß es sie auch haben. Es führt kein Weg daran vorbei.
Unser Gespräch beendet Ferhan Alesi mit einer arabischen Redensart:
"Wer das Meer entdeckt hat, wissen wir zwar nicht. Aber wir wissen auf alle Fälle, daß es nicht die Fische waren."