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Istanbul Post
Das wöchentliche
deutschsprachige Internetmagazin der Türkei Republished with permission.
Ferhan Alesi hat sich der interkulturellen Kommunikation gewidmet. Sie
will, daß dieses Thema auch in der Türkei jene Bedeutung erlangt, die
es verdient. Bis es soweit ist, muß sie möglicherweise noch eine
mühsame Strecke durchmachen, mit einer Menge Menschen sprechen,
überhaupt viel viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn dieses Thema
steckt in der Türkei noch in Kinderschuhen. Zwar ist interkulturelle
Kommunikation auf Platz eins von fast allen Bildungsprogrammen, die
die Türkei mit der EU und Bildung verbinden, ob es sich z.B. um
Erasmus, Leonardo oder Grundtvig handelt. Doch wird es wohl noch eine
ganze Weile dauern, bis klar ist, daß damit nicht bloß das Erlernen von
einer oder mehreren Fremdsprachen gemeint ist. Doch koste es, was es
will, Ferhan Alesi wird sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen.
Und das ist gut so. Denn mit ihr habe ich endlich eine engagierte
Arbeitsgefährtin gefunden und muß mich nicht mehr wie eine einsame
Donquichotte fühlen.
Hören wir uns aber nun aus ihrem eigenen Mund an, warum ihre
Aufgabe ausgerechnet interkulturelle Kommunikation sein muß, was sie
damit verbindet, und überhaupt, wer sie ist.
Als ich meinen ersten Kulturschock erlebte, war ich gerade 17 Jahre alt.
Mein Vater war dienstlich nach Kuwait versetzt worden, wir mußten ihm
mit der Familie folgen. Ich wurde dort an einer amerikanischen Schule
untergebracht und kam mit Menschen in Berührung, von deren
Herkunftsländern ich zuvor nur die Hauptstädte im Erdkundeunterricht
auswendig gelernt hatte. Ich war von Indern, Australiern, Deutschen,
Amerikanern und und und umgeben. Alles, was ich bis dahin für richtig
hielt, als normal zu deuten gelernt hatte, begann mich im Stich zu
lassen. Die Koordinaten meines lebensweltlichen Bezugssystems
gerieten durcheinander. Meinen Kulturschock versuchte ich dadurch zu
überwinden, indem ich das Verhalten, die Reaktionen und
Herangehensweisen, eigentlich so ziemlich alles, was die Anderen taten
und dachten, für blöd und dumm zu halten. Das ist überhaupt eine der
typischen Umgangsweisen mit dem Gefühl von Fremdheit. Das
Ungewohnte, das Fremde wird zuerst oft als lustig, merkwürdig oder als
Bedrohung empfunden. Dumm, arrogant, gemein etc. sind zuerst immer
die Anderen. Damit baut man eine Mauer um sich herum und hat dann
enorme Mühe, darüber hinwegzuschauen. Es hat eine Weile gedauert,
bis ich merkte, daß ich mit meiner selbsterrichteten Mauer mir die
eigene Sicht versperrte, meinen eigenen Handlungsspielraum einengte.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich entdeckte, daß die Sicht von
Wahrheit, immer auch davon abhängt, von woher man darauf schaut.
Als es mir allmählich möglich wurde, ein bißchen auch von der Warte
meiner andersartigen Mitschüler zu blicken, spürte ich, daß damit in mir
etwas wunderbares passierte. Ich begann selbstbewußter zu werden,
meine Verkrampfungen und Verbissenheiten ließen nach, ja überhaupt
wurde ich humorvoller. Diese Erfahrung war wundervoll.
War es diese Erfahrung, die dich veranlaßte,
eine interkulturelle
Trainerin zu werden?
Ein bißchen schon. Aber es war vor allem die Bekanntschaft mit meinem
italienischen Ehemann. Seine Eltern stammen aus Sizilien, er war selber
in der Schweiz aufgewachsen. Diese Bekanntschaft war der zweite
wichtige Wendepunkt in meinem Leben. Nach meinem Aufenthalt in
Kuwait ging ich nach Österrich und studierte dort Tourismus. Einige
Jahre später lernte ich in der Schweiz meinen italienischen Ehemann
kennen. Nach unserer Heirat hatten wir längere dienstliche Aufenthalte
in Deutschland, England und Frankreich. So machte mir mein eigener
Lebensalltag klar, daß mich dieses Thema interkulturelle
Kommunikation und seine Faszination nicht mehr loslassen würde. Ich
beschloß, auf diesem Gebiet professionell zu arbeiten und besuchte
Seminare, Konferenzen, Fortbildungen. Ich machte ein Studium der
interkulturellen Kommunikation an dem Sommerinstitut für
interkulturelle Kommunikation in Portland/Oregon. Dieses Jahr werde
ich wieder einen Kurs absolvieren. Die Atmosphäre dort ist wundervoll.
Außerdem ein Treffpunkt von Interkulturalisten aus aller Welt. Ich
denke zum Beipiel an einen Mexikaner, der seit mehr als 10 Jahren in
China lebt und arbeitet. Oder an einen US- Amerikaner, der die Hälfte
seines Lebens in Japan verbracht hat. Die Bekanntschaft und Gespräche
mit diesen Kollegen erlebe ich als sehr bereichernd. Man sagt zwar, die
Welt sei klein. Aber das stimmt nicht. Sie ist riesig und darauf leben
hunderte von verschiedenen Kulturen. Es ist nicht möglich, alle diese
Kulturen kennenzulernen. Dieses Sommerinstitut bietet mir
Gelegenheit, zumindest mit einigen dieser Kulturen etwas näher in
Berührung zu kommen und meine Erfahrungen und Kenntnisse zu
erweitern.
Laß uns jezt etwas über die Bedeutung
von interkulturellen
Kommunikationstrainings und Seminaren sprechen. Für mich habe ich
dazu folgende These formuliert: Trainings und Seminare zu
interkultureller Kommunikation geben dem Menschen die Gelegenheit,
sich und seine eigenen Verhaltenweisen mit den Augen anderer zu
betrachten. Und wenn es gelingt, das Andersartige nicht als Bedrohung,
sondern als Bereicherung zu empfinden, und dazu tragen ja die
Trainings und Seminare bei, dann kann man diese Erfahrung für die
eigene individuelle Entwicklung als eine kostbare Bereicherungsquelle
entdecken und nutzen. Wie siehst du das?
Genau richtig. Das ist eine schöne Zusammenfassung. Es ist so einfach,
die Anderen zu kritisieren. Dieser blöde Schweizer, was macht er für
einen Unsinn usw. Probleme und Fehler haben immer die Anderen. Ist
es wirklich so, daß es immer die Anderen sind, die Fehler haben? Man
kommt nicht umhin, diese Frage zu stellen und auch Mal sich selbst mit
den Augen anderer zu betrachten. Wenn man einmal anfängt, sich
selber aus der Perspektive anderer zu betrachten, dann kann man auch
die eigenen Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensweisen entspannter
sehen. Aber das ist ein Prozeß. Diese Erfahrung macht man nicht sofort.
Die Trainings und Seminare sind dazu ein Vehicle. Ganz konkret tragen
sie dazu bei, die eigene Kultur zu entdecken, andere Kulturen
kennenzulernen. Anstatt immer nur zu kritisieren, tragen sie dazu bei,
die Gründe für die Andersartigkeit zu hinterfragen. Das trägt zu einer
Verbesserung von Kommunikationserfahrung bei. Dinge, die einen
vorher auf die Palme treiben konnten, werden gelassener betrachtet.
Wenn man die Anderen als fehlerhaft sieht, dann baut man auch eine
Mauer dazwischen. Diese Mauer steht uns dann bei vielen Sachen selber
im Weg. Mit Hilfe von interkultureller Kommunikation gelangen wir zu
einer gelasseneren und entspannten Sichtweise. Es wäre falsch zu
sagen, daß man mit Hilfe von interkulturellen Kommunikationstrainings
mögliche Probleme im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen
völlig aus der Welt schaffen kann. Aber man wird gelassener und
kommuniziert erfolgreicher. Schließlich wird man bewußter im Umgang
mit anderen Menschen.
Du bist also optimistisch, daß dieses Thema
auch in der Türkei Zukunt
haben wird?
Ja, unbedingt. Noch haben viele Leute keine Ahnung, wovon ich rede.
Zum Beispiel, selbst an manchen Universitäten, die hier bilaterale
Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten anstreben, werde ich
zuerst oft gefragt: Wozu braucht man das? Das Thema hat Zukunft und
im Zuge der Zukunftspläne der Türkei muß es sie auch haben. Es führt
kein Weg daran vorbei.
Unser Gespräch beendet Ferhan Alesi mit einer arabischen Redensart:
"Wer das Meer entdeckt hat, wissen wir zwar nicht. Aber wir wissen auf
alle Fälle, daß es nicht die Fische waren."
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